Brigitte.de-Leserinnen haben das neue Buch "Das Museum der Unschuld" von Orhan Pamuk gelesen. Hier erfahren Sie von Brigitte.de-Leserin Ingrid Özkan, wie ihr das Buch gefallen hat.
Die Geschichte einer großen Liebe ist die Geschichte einer ganzen Welt
"Der Leser sei gewarnt. Orhan Pamuks Roman wird ihn so sehr fesseln, dass er sich nach einiger Zeit dabei ertappt, verstohlen zur Seite zu blicken, da er den sanften Blick Füsuns auf sich gerichtet vermutet."
Istanbul 1975: Das Leben des 30jährigen Kemal scheint perfekt zu sein. Er ist ein reicher Geschäftsmann und gehört zu den ersten Familien der Istanbuler Gesellschaft. Seine Braut ist die schöne und gebildete Diplomatentochter Sibel. Doch kurz vor seiner Verlobung begegnet Kemal an einem sonnigen Frühlingstag der 18jährigen Füsun, einer entfernten Verwandten. "Füsun" bedeutet "Zauber" und Kemal verfällt diesem Zauber in leidenschaftlichen Liebesstunden vollkommen. Trotzdem verlobt er sich mit Sibel und Füsun verschwindet daraufhin spurlos. Als Kemal sie wiederfindet, ist sie die Frau eines anderen. Acht lange Jahre weicht er dennoch nicht von ihrer Seite, bis es ihm gelingt, sie zurückzugewinnen und sich erneut mit ihr zu vereinigen. Doch die Sonnenblumen, die Füsun im Traum ihrer ersten Liebesnacht sah, führen sie nun in eine andere Welt, in die ihr Kemal nicht folgen kann.
Kemals einziger Trost bleiben die Gegenstände, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat und die ihn allesamt mit Füsun verbinden. Sie sind nicht Zeugnis seiner Liebe, sondern vielmehr eingefrorene Augenblicke seines unendlichen Glücks. Er beschließt, sie in einem Museum auszustellen, das er "Museum der Unschuld" nennt. In der Zeitlosigkeit des Museums wird so jeder Blick, den ihm Füsun schenkte und jede Berührung ewig.
Orhan Pamuks neuer Roman spielt im Istanbul der 70er und 80er Jahre, in den Vierteln, in denen der Autor geboren wurde, aufgewachsen ist und heute noch lebt. Der Leser gewinnt ein genaues Bild der Istanbuler Gesellschaft dieser Zeit, ihrer Moralvorstellungen, aber auch ihrer Alltagskultur. Im Roman trifft der Leser nicht nur bekannte Figuren aus Pamuks anderen Büchern wieder, sogar der Autor selbst tritt in das Geschehen ein und wird Teil der Geschichte.
Wofür eignet sich das Buch?
Der Leser sei gewarnt. Orhan Pamuks Roman wird ihn so sehr fesseln, dass er sich nach einiger Zeit dabei ertappt, verstohlen zur Seite zu blicken, da er den sanften Blick Füsuns auf sich gerichtet vermutet. Spätestens dann sollte er dem unergründlichen Zauber Istanbuls selbst nachspüren. Nicht im strahlenden Sommer, sondern im Herbst, wenn die Straßen von einem leichten Kohlenduft durchzogen sind. Manchmal wird er dann glauben, er sähe Kemal oder Füsun vorbeihuschen. Und vielleicht wird das "Museum der Unschuld", das Orhan Pamuk wirklich eröffnen will, dann ja schon fertig sein ...
Mein Lieblingssatz:
"Die Besucher, die sich Schaukasten um Schaukasten alles ansehen, werden merken, wie sehr ich Füsun acht Jahre lang beim Abendessen beobachtete und dabei auf alles unendlich achtgab, auf ihre Hand, ihren Arm, ihr Lächeln, den Fall ihres Haars, ihre Taschentücher, Haarspangen und Schuhe, auf die Art, wie sie ihre Augenbrauen zusammenzog, ihre Zigaretten ausdrückte, den Löffel in der Hand hielt, und dann werden die Leute erkennen, dass Liebe ungeheuer viel mit Aufmerksamkeit und Anteilnahme zu tun hat." (S. 548)
Quelle: Rezension aus dem Brigitte Buchsalon. Im Buchsalon finden Sie auch die Rezensionen der anderen Leserinnen.